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Unser Mädchenhaus in Medchal - Indien

Es war ein Punkt auf meiner Bucket List. Die Zeit als Managing Director unter Kurt Bürki bei seiner Schweizer Stiftung Usthi hatte mich geprägt (lese mein ‘about tiiset’). Sobald es meine finanzielle Situation zulassen würde, wollte ich mich wieder sozial engagieren. Nachdem Usthi mit Tanja Lirgg eine gute neue Geschäftsführerin gefunden hatte, die sich mit der Stiftung auch noch mehr das Thema sexuelle Ausbeutung Indischer Mädchen widmen wollte, das mir sehr ans Herz liegt, und ich den erwünschten Raum spürte, haben wir die Köpfe zusammen gesteckt.

Jogini’s
Das Leben für Mädchen und Frauen in Indien können wir uns kaum vorstellen. Das Thema, das tiiset cares e.V. sich angenommen hat, sind die Jogini’s. Jogini’s sind Mädchen, die mit dem Yellamma, der Gottheit der Erde und der Fruchtbarkeit, verheiratet werden und ab diesem Moment in dessen heiligen Tempel dienen müssen. Sie werden oft im Kindesalter von ihren Eltern an die Tempel gegeben in der Hoffnung, Unheil abzuschirmen und das Schicksal der Familie positiv zu beeinflussen. Die Mädchen sind faktisch Sklavinnen, die der Willkür der Gesellschaft ausgesetzt sind. Den Jogini’s werden heilige Kräfte nachgesagt. So glaubt man, sie seien fähig Unheil im Haushalt abzuschirmen und das Schicksal der Gemeinschaft in die richtigen Bahnen zu lenken. Viele sind bis heute davon überzeugt, dass negative Energien durch sexuellen Kontakt mit den Jogini’s abgewendet werden können. Jogini’s müssen allen Männern, die mit ihnen schlafen möchten, zur Verfügung stehen und werden so Opfer massiver sexueller Ausbeutung. Gleichzeitig sind auch ihre Kinder Opfer dieser Machtstrukturen. Als geweihte Tempelsklavin haben Jogini’s keinen gesellschaftlichen Status ausserhalb der Tempel. Kinder werden verleugnet und von der Gesellschaft nicht anerkannt. Jogini’s ist es kaum möglich für die unehelichen Kinder zu sorgen. Die Kinder werden aus Not weggegeben oder verkauft. Ihr Schicksal ist ungewiss.

90% der Jogini’s sind Dalits (die Unberührbaren), die unter- und ausserhalb des Kastensystems (das es per Gesetzt seit 1950 nicht mehr gibt) stehen und bis heute stark diskriminiert sind.

Die Schweizer Stiftung Usthi begann ihre Arbeit in diesem Bereich anfang 2017. In 2018 konnte ich mit tiiset rooms schon einen Teil der Finanzierung der ersten 10 Mädchen übernehmen. In 2018 ergab sich die Möglichkeit, mich finanziell noch mehr zu engagieren. Da reifte die Idee ein komplett neues Haus zu gründen. Mittlerweile hatte Usthi mehr als 60 Mädchen auf der Warteliste stehen! Usthi eröffnete 2018 ihr zweites Haus mit wiederum 10 Mädchen. April 2019 wurde unser Haus mit Hilfe von Usthi und deren lokalen Partner Asha Jyothi in Hyderabad eröffnet. ‘Unsere’ 10 Mädchen sind zwischen 15 und 25 Jahre alt, haben meist entweder selber eine Jogini-Vergangenheit, oder deren Mütter. Im zweiten Fall sind es die Mütter die ihre Töchter ermutigten diese Chance zu ergreifen. Sie wollen ein besseres Leben für ihre Töchter als sie es selber haben. Die Töchter müssen dafür ein hohen Preis bezahlen. Den Kontakt zu ihren Mütter können sie nicht mehr behalten. Das Risiko auf Repressalien ist zu gross. Die konservative Seite der indischen Gesellschaft nimmt uns unser Engagement ziemlich übel. Daher gehen wir sehr bedacht vor.

Unser Haus, wie auch die von Usthi finanzierte Häuser, bieten den Mädchen nicht nur eine Unterkunft. Sie bekommen medizinische und psychologische Betreuung. Sobald sie dazu in der Lage sind, bekommen sie ausserdem eine Ausbildung. Unser Ziel ist es, den Mädchen eine Grundlage zu geben, damit sie ein selbstbestimmtes Leben aufbauen können. Es vermag vielleicht den Eindruck des Tropfens auf einen heissen Stein zu sein, aber jedes Mädchen ist ein ganzes Leben.

Pro Jahr brauchen wir pro Mädchen €1.200,-.
Wenn Sie sich finanziell beteiligen möchten sind wir Ihnen sehr dankbar!
Für diesen Fall gründeten wir die Stiftung tiiset cares eV., somit können Spendenquittung erteilt werden.
Wenn Sie spenden möchten sind hier die Bankdaten des Vereins, oder kontaktieren Sie uns unter: info@tiiset.com

Die Bankdaten des Vereins:
Merkur Bank
tiiset cares e.V.
IBAN DE06 7013 0800 0001 0032 32

Background einiger Mädchen

M.S. Geboren 1994
M.S.’s Mutter ist eine ehemalige Tempelprostituierte, die aus dem System fliehen konnte. Heute arbeitet sie als Ayya an einer lokalen Schule, verdient 4000 Rupien (€50) im Monat. Sie bemühte sich sehr, ihrer Tochter M.S. eine gute Schulausbildung zu ermöglichen, aber ihr Gehalt reichte nicht aus. M.S. konnte nach der 10. Klasse ihre Ausbildung nicht fortsetzen. Der fehlende Berufsabschluss machte es ihr schwer einen Job zu finden. Ihre Situation machte sie extrem anfällig für die Maschen der Menschenhändler und es bestand die Gefahr, dass sie von der Gemeinschaft ebenfalls in die Tempelsklaverei gedrängt wird.
Das Awareness Team vom lokalen Partner Asha Jyothi erkannte dieses Risiko. Obwohl M.S. zuerst Angst hatte ihr zuhause zu verlassen, ermutigte ihre Mutter sie diese Chance zu nutzen, um ein besseres Leben leben zu können als sie selbst es erleiden musste. M.S. erbringt schon hervorragende Leistungen in den Computer- und Englisch-Kursen.

K.B. Geboren 2000
Auch K.B.’s Mutter war eine ehemalige Tempelsklavin, die von der Gemeinschaft verstossen wurde als sie versuchte, dem System zu entfliehen. Sie starb als K.B. noch sehr jung war. Ihre beiden älteren Brüder bemühten sich sehr K.B zu unterstützen, aber waren nicht in der Lage ihrer Schwester eine Ausbildung zu ermöglichen. K.B. wurde schlussendlich von der Gemeinschaft zur Tempelprostitution gezwungen. Entmutigt und hoffnungslos lebte sie ihr Leben, als sie eines Tages das Awareness Team von Asha Jyothi in ihrem Dorf traf. Gemeinsam mit ihren Brüdern entschied K.B. einen Neuanfang zu wagen und wohnt jetzt in unserem Mädchenhaus.

D.S. Geboren 2000
D.S.’s Mutter arbeitete als Tagelöhnerin für die Müllabfuhr bei der Gemeinde. Im Laufe ihrer Tätigkeit kam sie mit einer Reihe Truckern in Kontakt und begann sich zu prostituieren. Nach einer Weile stellten ihre Kollegen sie dem Leiter eines lokalen Bordels vor, wo sie anfing zu arbeiten. Vier Jahre später begann sie ihre Tätigkeit zu hinterfragen und versuchte dem System zu entkommen. Es war jedoch zu spät. Ihre Tochter D.S. war zu diesem Zeitpunkt schon mehrfach sexuell missbraucht worden und die Familie wurde aus der Gemeinschaft verstossen. Als ein Mitarbeiter von Asha Jyothi während eine Sensibilisierungsveranstaltung ihre Geschichte hörte, konnte er sehen dass für D.S. ein Neuanfang noch möglich war.
D.S. erholt sich gut und fühlt sich wohl in der Wohngemeinschaft unseres Hauses. Sie hat schon mit einem Computerkurs angefangen.

R.D. Geboren 1999
Eine etwas anderer Background hat R.D. dessen Vater als Tagelöhner, Rohrschneider, arbeitete. Während seine Arbeitsreisen ging er regelmässig zu Prostituieren und infizierte sich mit HIV und steckte auch seine Frau damit an. Als das heraus kam verliess der Vater die Familie.
R.D. fiel in der Schule durch ihre schulische Leistungen auf, sie war eine sehr gute Schülerin. Die Krankheit ihrer Mutter änderte jedoch alles. Aufgrund des Stigmas um HIV wurde die Familie von den Dorfbewohnern verstossen. Die Situation führte dazu, dass R.D.’s Mutter sich mehrfach versuchte das Leben zu nehmen. Als die Gesundheit ihrer Mutter verschlechterte war R.D. gezwungen sich am Lebensunterhalt der Familie zu beteiligen. Aufgrund des Stigmas war es ihr jedoch nicht möglich eine normale Anstellung zu finden und es drohte ihr der Weg in die Prostitution. Jetzt hat R.D. einen sicheren Aufenthalt in unserem Haus und auch sie hat schon mit einen Computerkurs angefangen.